Indianisches Horoskop
Die in zahlreiche Stämme und
Kulturen verzweigten Ureinwohner Amerikas, die Indianer, hatten bei
allen Unterschieden bezogen auf ihre Geschichte, ihren Lebensraum, die Bedingungen ihrer Existenz, ihren materiellen
Kulturbesitz, ihre soziale Umwelt und ihre religiösen Vorstellungen doch
eine anhand zahlreicher Beispiele hervortretende und nchweisbare
Gemeinsamkeit.
Vielen sehr alten, gleichwohl aber zuverlässigen
Überlieferungen können wir, Herr Muster, entnehmen, daß
die Indianer den einzelnen Menschen nicht losgelöst und getrennt
von seiner natürlichen Umgebung gesehen haben. Nach ihrer
Anschauung, die auch in der Gegenwart nichts von ihrer Gültigkeit
und ihrem Erkenntniswert verloren hat, bildet jeder Mensch vielmehr
eine enge und unauflösliche Einheit mit der ihn umgebenden Natur.
Das wahre Ich eines Menschen - seine tatsächlichen Kräfte und
Möglichkeiten, seine Charaktereigenschaften, seine
Fähigkeiten und nicht zuletzt seine Verantwortung - kann nach
indianischer Auffassung nur unter der grundlegenden Voraussetzung
enthüllt und offengelegt werden, daß wir, Herr Muster, den
übergeordneten Zusammenhang zwischen dem menschlichen Wesen und
der Natur erkennen.
Dementsprechend ordnet die indianische Astrologie den einzelnen
Personen bestimmte Tiere (Schneegans, Otter, Puma, Habicht, Biber,
Hirsch, Specht, Stör, Braunbär, Rabe, Schlange, Wapiti),
bestimmte Pflanzen (Birke, Zitterpappel, Wegerich, Löwenzahn,
Camasspflanze, Schafgarbe, Heckenrose, Himbeere, Veilchen,
Königskerze, Distel, Schwarzfichte) und bestimmte Mineralien
(Quarz, Silber, Türkis, Feueropal, Chrysokoll, Moosachat, Karneol,
Eisen, Amethyst, Jaspis, Kupfer, Obsidian) zu.
Die ganzheitliche und allumfassende Betrachtungsweise des indianischen
Horoskops geht aber noch einen bedeutenden Schritt weiter: Sie bezieht
nämlich darüber hinaus auch die vier Himmelsrichtungen und
die vier Elemente (Erde, Wasser, Luft, Feuer) in die Analyse ein.
Um die indianische Denkweise besser verstehen und um ihre
prägenden Vorstellungen grundsätzlich einordnen zu
können, müssen wir, Herr Muster, uns über eines im
klaren sein: Die gesamte menschliche Existenz bewegt sich nach
Auffassung der Indianer im Rahmen eines Kreislaufs, der von der Geburt
über den Tod bis zur Wiedergeburt reicht.
Dieser Kreis, der ihre Sicht der Dinge wesentlich bestimmte, hatte auch
im alltäglichen Leben der Ureinwohner Amerikas eine sehr große Bedeutung,
die sich anhand zahlreicher Beispiele nachweisen läßt: In vielen
verschiedenen Riten, Bräuchen und Zeremonien spielte der magische Kreis ebenso eine
herausragende Rolle wie bei Zusammenkünften, Beratungen und
Festen. Darüber hinaus haben unterschiedliche Indianerstämme
ihre Unterkünfte oftmals in der Form eines Kreises angelegt.
Nach indianischer Anschauung entscheidet das Datum der Geburt eines
Menschen über den genauen Punkt, an dem das betreffende Individuum
den Kreis betritt. Die entsprechende Phase kann zu einem der zwölf
Monde in direkte Beziehung gesetzt werden - die Bandbreite reicht vom
Mond der Erderneuerung bis zum Mond des langen Schnees. Der
indianischen Astrologie sind in diesem Zusammenhang
Beschränkungen, Grenzen und Stillstand fremd. Sie geht vielmehr
grundsätzlich davon aus, daß jeder Mensch in seinem Leben
die Möglichkeit hat, seinen Horizont kontinuierlich zu erweitern
und durch neue Erkenntnisse und Einsichten in höhere Ebenen des
Bewußtseins vorzudringen. Auf den beschriebenen Kreislauf
bezogen, heißt das: An einem bestimmten Punkt, der Geburt,
betritt jedes menschliche Lebewesen diesen Kreis. Dies ist aber
wohlgemerkt nur der persönliche Ausgangspunkt des Menschen, denn
nun ist ihm die großartige Gelegenheit gegeben, sich innerhalb
dieses Kreises zu bewegen, ihn gleichsam zu durchwandern.
Es wäre nach indianischer Auffassung also völlig falsch, auf
der Ausgangsposition zu verharren, dies wäre gleichbedeutend mit
Starre, Inflexibilität und Unbeweglichkeit. Der Mensch hat statt
dessen die Aufgabe, während seines Lebens unterschiedliche Monde,
Tiere, Pflanzen, Mineralien und Elemente kennenzulernen und zu
erforschen. Nur wenn er auf diese Weise seiner wahren Bestimmung
gerecht wird und sein Wissen erweitert und vertieft, kann er im
Einklang mit der Natur und mit seinen natürlichen Begabungen ein
erfülltes, glückliches und zufriedenes Leben führen.
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